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Sunday, February 22, 2009

Auch Gehörlose haben Dialekte

Quelle: http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=971873&kat=317
Was viele nicht wissen: Die Gebärdensprache der Gehörlosen besteht nicht nur aus Handzeichen. Der ganze Oberkörper, die Mimik und das Mundbild gehören dazu. Und auch hier kommt es mitunter zu amüsanten Missverständnissen. So sind etwa die Gebärden für die Worte «König» und «Oma» sehr ähnlich – weil die Hand auf dem Kopf mal eine Krone, mal einen Dutt darstellen soll.

Außenstehende stellen sich die Gebärdensprache meist so vor: Für ein Wort wird ein Symbol gezeigt. «Es sind aber meist Bewegungsabläufe», erklärt Margit Hillenmeyer vom in Nürnberg ansässigen Gehörlosen Institut Bayern (GIB). So führt sie etwa zweimal die angewinkelten Hände zusammen, was ans Händewaschen erinnert und «Wasser» bedeutet. Aber nur in Berlin. Die Bayern führen zwei Finger ans Kinn. Ja, auch in der Gebärdensprache gibt es Dialekte! Wenn auch nicht ganz so viele. «Die Unterschiede sind sogar stärker als in der gesprochenen Sprache», sagt Hillenmeyer. «Allerdings gibt es sie nur bei bestimmten Inhalten. Die meisten Worte sind landesweit einheitlich. Aber zum Beispiel die Wochentage oder Bezeichnungen für Familienmitglieder unterscheiden sich in verschiedenen Regionen.»

«Entschuldigung» oder «Ich liebe dich»?

Auch wer keine Gebärdensprache beherrscht, macht mitunter unbewusste Aussagen. Zum Beispiel kann ein Zupfen oder Kratzen am Kinn so ähnlich wie die Geste für «hübsch» aussehen. Manche Bewegungen können wiederum bei Ausländern für Verwirrung sorgen. Die Art, wie Gehörlose hier als «Entschuldigung» die Hände übereinander führen, bedeutet in der japanischen Gebärdensprache: «Ich liebe dich.»

Ein großer Unterschied zur gesprochenen Sprache besteht darin, dass durch eine einzelne Gebärde gleich mehrere Worte oder Informationen gleichzeitig dargestellt werden können. Die Lautsprache hingegen funktioniert nur durch aufeinanderfolgende Aussagen. Auch der Satzbau, die Reihenfolge der Informationen, ist in der Gebärdensprache weniger strikt festgelegt. Und dann gibt es doch wieder viele Gemeinsamkeiten. So kennt man zum Beispiel auch hier Modewörter, Jugendslang oder «Fachchinesisch».

«In München war zum Beispiel eine zeitlang eine neue Geste für das Wort ,hässlich’ beliebt», erzählt Hillenmeyer und legt Daumen und Zeigefinger zusammen an die Wange. «Das ist aber wieder aus der Mode gekommen, man führt jetzt wieder beide Hände weg vom Kinn.»

Wer den Daumen und Zeigefinger zusammenführt und an die Stirn hält, sagt damit «cool». Es handelt sich hierbei um einen typischen Fall von Jugendslang. Allerdings: Erwachsene verwenden dieses Wort inzwischen auch. Sie zeigen es nur durch eine andere Geste. Mit der linken Hand, neben den Kopf gehalten, formen sie das Zeichen für den Anfangsbuchstaben «C». Mit der rechten Hand auf der anderen Seite des Kopfes zeigen sie den letzten Buchstaben «L». Und die Augen dazwischen stehen für zweimal «O».

Technische Fachausdrücke und neue Wörter kommen vor allem von Jugendlichen und aus dem Ausland. «Die meisten neuen Gebärden übernehmen wir aus den USA», sagt Hillenmeyer. Was nicht nur an deren Vorsprung bei den elektronischen Medien liegt: «Auch mit der Gebärdensprache sind uns die Amerikaner voraus, ungefähr zehn bis 15 Jahre.»

In den USA wurden bereits Gesten für abstrakte oder seltene Worte entwickelt, die hier noch umschrieben werden müssen. Für Spezialgebiete wie Psychologie oder Sozialpädagogik wurden inzwischen auch in Deutschland eigene Fachgebärden-Lexika veröffentlicht.

Die Verständigung mit Gehörlosen aus dem Ausland funktioniert in der Gebärdensprache übrigens etwas leichter als in der konventionellen Lautsprache. Auch deren Sprecher müssen ja im Urlaub oft «mit Händen und Füßen reden» – wer die Gebärdensprache beherrscht, ist darin bereits bestens geübt. Es gibt international viele Gemeinsamkeiten bei den Gebärden, die Aussagen müssen allerdings oft noch etwas szenischer vorgespielt werden.

Erik StecherMehr vom aktuellen Tagesgeschehen lesen Sie in Ihrer Zeitung. Jetzt abonnieren Link auf ein externes Angebot

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